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05.01 · Menschen & Verantwortung
Hinter jeder Tafel stehen Menschen
Wenn wir eine Tafel Schokolade in der Hand halten, sehen wir Kakaoanteil, Zutaten, Herkunft und vielleicht ein Bio- oder Fairtrade-Siegel. Was wir meist nicht sehen, sind die Menschen ganz am Anfang dieser Kette.
Menschen, die Kakaobäume pflegen.
Die Frucht für Frucht erkennen, wann sie reif ist.
Die ernten, öffnen, fermentieren und trocknen.
Ein großer Teil des weltweiten Kakaos wird von kleinbäuerlichen Familienbetrieben angebaut.
Und genau deshalb gehört zu der Frage, woher unser Kakao kommt, noch eine zweite:
Unter welchen Bedingungen leben und arbeiten die Menschen, die ihn anbauen?
Kinderarbeit – worüber reden wir eigentlich?
Wenn über soziale Probleme im Kakaoanbau gesprochen wird, fällt sehr schnell ein Begriff: Kinderarbeit. Und tatsächlich gehört sie zu den schwerwiegendsten ungelösten Problemen des internationalen Kakaosektors. Bevor wir darüber sprechen, müssen wir aber etwas unterscheiden.
Nicht jedes Kind, das auf dem landwirtschaftlichen Betrieb seiner Familie mithilft, leistet automatisch Kinderarbeit.
Gerade in kleinbäuerlichen Familienbetrieben helfen Kinder bei bestimmten Arbeiten mit. Die Internationale Arbeitsorganisation ILO unterscheidet deshalb ausdrücklich zwischen altersgerechten, ungefährlichen Tätigkeiten und Kinderarbeit. Kinderarbeit bezeichnet Arbeit, die Kindern schadet oder ihre Schulbildung beeinträchtigt. Altersgerechte, ungefährliche Mithilfe kann dagegen Teil des Aufwachsens in einem landwirtschaftlichen Familienbetrieb sein.
Entscheidend ist:
- 01Wie alt ist das Kind?
- 02Welche Tätigkeit führt es aus?
- 03Wie lange arbeitet es?
- 04Ist die Arbeit gefährlich?
- 05Und beeinträchtigt sie seine Gesundheit, Entwicklung oder Schulbildung?
Besonders kritisch ist sogenannte gefährliche Kinderarbeit. Damit sind Tätigkeiten gemeint, die aufgrund ihrer Art oder der Bedingungen, unter denen sie ausgeführt werden, Gesundheit, Sicherheit oder Entwicklung eines Kindes gefährden können. Im Kakaoanbau können dazu Arbeiten mit Macheten und anderen scharfen Werkzeugen gehören, das Tragen schwerer Lasten, der Kontakt mit Pestiziden und anderen Agrarchemikalien, das Roden von Flächen sowie andere körperlich schwere oder gefährliche Tätigkeiten.
„Auf jeder Kakaoplantage arbeiten ausgebeutete Kinder.“
Das stimmt so nicht.
„Das sind eben Familienbetriebe. Da helfen die Kinder ein bisschen mit.“
Auch das greift viel zu kurz.
Die dunkle Seite
Zwischen diesen beiden Aussagen liegt eine Realität, die bis zu extremen Formen der Ausbeutung reicht.
Für Côte d’Ivoire sind im Kakaoanbau neben gefährlicher Kinderarbeit auch Zwangsarbeit und Menschenhandel dokumentiert. Das US-Arbeitsministerium führt Zwangsarbeit von Kindern bei der Kakaoernte ausdrücklich unter den schlimmsten Formen von Kinderarbeit und beschreibt, dass Kinder teilweise infolge von Menschenhandel in solche Arbeitsverhältnisse geraten.
Auch INTERPOL hat solche Extremfälle unmittelbar dokumentiert. Bei der Operation Nawa wurden 2014 in Côte d’Ivoire 76 mutmaßlich gehandelte Kinder aus Kakaoplantagen und illegalen Goldminen befreit; die meisten stammten aus Burkina Faso und Mali. INTERPOL berichtete dabei über schwere Formen der Ausbeutung bis hin zu sklavenähnlichen Bedingungen.
Diese Extremfälle sind nicht die Realität auf jeder Farm. Aber sie sind Teil der Realität des Kakaosektors.
Gleichzeitig erschweren intransparente Lieferketten die Kontrolle. Der Kakao wird überwiegend auf kleineren und mittleren Betrieben erzeugt, während Handel und Export stark konzentriert sind. In Côte d’Ivoire entfielen in 2024 67 % der Kakaoexporte auf nur sechs große Händler. Nach öffentlich verfügbaren Unternehmensangaben waren gleichzeitig nur 48 Prozent des Exportvolumens bis zu einem konkreten Produktionsgebiet rückverfolgbar.
Die Spannweite reicht also vom normalen Mithelfen im Familienbetrieb über gefährliche Kinderarbeit bis hin zu dokumentierter Zwangsarbeit und Menschenhandel.
Quellen: U.S. Department of Labor · INTERPOL · Trase
Westafrika und Südamerika: ein differenzierter Blick
Insbesondere für die großen Kakaoanbaugebiete Westafrikas zeigen unabhängige Untersuchungen seit vielen Jahren ein sehr ernstes Problem.
Côte d’Ivoire und Ghana gehören zu den bedeutendsten Kakaoerzeugerländern der Welt. Seit mehr als zwanzig Jahren ist bekannt, dass Kinderarbeit dort ein massives Problem darstellt – und genau die beschriebenen gefährlichen Tätigkeiten wurden in den westafrikanischen Kakaoanbaugebieten in großem Umfang dokumentiert.
Eine der umfassendsten Untersuchungen dazu stammt von NORC an der University of Chicago. Für die Erntesaison 2018/19 schätzte NORC, wie viele Kinder in den Kakaoanbaugebieten von Côte d’Ivoire und Ghana Kinderarbeit im Kakaoanbau verrichteten. Auch aktuelle Länderberichte des U.S. Department of Labor dokumentieren Kinderarbeit im Kakaoanbau in Ghana und Côte d’Ivoire weiterhin.
NORC · Erntesaison 2018/19 · Côte d’Ivoire und Ghana
rund
1,56 Mio.
Kinder verrichteten nach dieser Schätzung Kinderarbeit im Kakaoanbau.
etwa
45 %
der Kinder in landwirtschaftlichen Haushalten der untersuchten Kakaoanbaugebiete.
Besonders auffällig waren gefährliche Tätigkeiten. NORC dokumentierte unter anderem:
- Kontakt mit scharfen Werkzeugen
- 36 %
- Kontakt mit scharfen Werkzeugen
- Tragen schwerer Lasten
- 29 %
- Tragen schwerer Lasten
- Kontakt mit Agrarchemikalien
- 24 %
- Kontakt mit Agrarchemikalien
- Beteiligung an Rodungsarbeiten
- 19 %
- Beteiligung an Rodungsarbeiten
An dieser Stelle ist eine zweite Unterscheidung wichtig.
Kinderarbeit existiert weltweit und besonders häufig in der Landwirtschaft. Auch in Mittel- und Südamerika gibt es Kinderarbeit. Gleichzeitig sollten wir die sehr gut dokumentierte Situation in den großen westafrikanischen Kakaoanbaugebieten nicht einfach auf jeden Kakaoanbau weltweit übertragen.
Für Côte d’Ivoire und Ghana existieren große kakaospezifische Studien, die das Ausmaß des Problems dokumentieren. In Lateinamerika unterscheiden sich Länder, Regionen, Betriebsstrukturen und Lieferketten erheblich, und für einzelne Kakaoanbaugebiete ist die Datenlage deutlich weniger umfassend.
„Kinderarbeit gibt es im Kakao nur in Westafrika.“
„Kakao aus Südamerika ist automatisch sozial unproblematisch.“
Die Herkunft allein ist noch kein Sozialstandard.
„Aus Peru“ bedeutet nicht automatisch „fair“. Genauso wenig bedeutet Kakao aus einem bestimmten Land automatisch das Gegenteil.
Warum entsteht Kinderarbeit?
Man könnte jetzt sagen: „Dann muss Kinderarbeit eben verboten werden.“ Aber damit allein löst man das Problem nicht. Denn hinter Kinderarbeit stehen häufig wirtschaftliche und soziale Ursachen.
Eine der wichtigsten davon ist Armut.
Die ILO bezeichnet Armut als einen zentralen Treiber von Kinderarbeit in der Landwirtschaft. Hinzu kommen beispielsweise fehlender oder schwieriger Zugang zu guter Bildung, lange Schulwege und fehlende Infrastruktur, ein Mangel an erwachsenen Arbeitskräften, niedrige und unsichere Einkommen sowie traditionelle Vorstellungen darüber, welche Aufgaben Kinder innerhalb eines Familienbetriebs übernehmen.
Das rechtfertigt Kinderarbeit nicht. Aber es erklärt, warum ein einfaches Verbot allein nicht reicht.
Denn dann stellt sich unmittelbar die nächste Frage:
Warum ist eine Familie überhaupt darauf angewiesen, dass ihre Kinder mitarbeiten?
Warum sind viele Kakaobauern so arm?
Viele Kakaobauern bewirtschaften kleine Flächen. Was eine Familie verdient, hängt im Wesentlichen davon ab, wie viel ihre Bäume in einer Saison tragen – und welchen Preis sie für ihre Bohnen erhält.
Gleichzeitig tragen die Familien einen großen Teil der Risiken des Anbaus selbst. Fällt eine Ernte schlechter aus oder steigen die Kosten, wirkt sich das unmittelbar auf ihr Einkommen aus.
- Wetter
- Ernteausfälle
- Pflanzenkrankheiten
- Alternde Bäume
- Arbeitskraft
- Steigende Kosten
Wenn das Einkommen einer Familie nicht ausreicht, um erwachsene Arbeitskräfte zu beschäftigen, muss die Arbeit trotzdem erledigt werden. Häufig wird sie dann innerhalb der Familie aufgefangen. Genau deshalb hängen soziale Bedingungen im Kakaoanbau eng mit der wirtschaftlichen Situation der Produzenten zusammen.
Wenn wir über Kinderarbeit sprechen, müssen wir deshalb auch über den Preis von Kakao sprechen – und darüber, wie viel davon am Anfang der Lieferkette tatsächlich ankommt.
Die Bauern produzieren den Rohstoff – aber über seinen Preis entscheiden andere.
Ohne Kakaobauern gäbe es keine Schokolade. Trotzdem haben sie in der Wertschöpfungskette praktisch keine Preissetzungsmacht. Den Preis, den sie für ihre Bohnen erhalten, können die meisten Bauernfamilien kaum beeinflussen.
Das Risiko liegt damit weitgehend am Anfang der Kette – bei Wetter, Ernteausfällen, Krankheiten, alternden Bäumen, Arbeitskraft und steigenden Kosten. Die wirtschaftliche Macht liegt dagegen weiter hinten: bei Händlern, Verarbeitern, Herstellern und dem Einzelhandel. Zwischen einer Kakaofrucht am Baum und einer fertigen Schokolade können mehrere Handels- und Verarbeitungsstufen liegen.
- 01 Bauernfamilien tragen einen großen Teil des Risikos
- 02 Händler
- 03 Verarbeiter
- 04 Hersteller
- 05 Einzelhandel hier liegt die wirtschaftliche Macht
Sie sind Preisnehmer, keine Preissetzer.
Das ist kein individuelles Versagen der Bauern, sondern ein strukturelles Problem. Es entsteht aus der Art, wie Kakao gehandelt wird, und daraus, wo in der Kette Verhandlungsmacht liegt. Je länger und anonymer diese Kette wird, desto schwieriger wird es außerdem zu erkennen, wer unter welchen Bedingungen den Kakao angebaut hat.
Warum Jahrzehnte voller Programme das Problem nicht gelöst haben
Bereits Anfang der 2000er-Jahre wurden internationale Vereinbarungen geschlossen und Programme gestartet, um insbesondere die schlimmsten Formen der Kinderarbeit im Kakaoanbau zurückzudrängen. Seitdem sind viele Maßnahmen hinzugekommen.
- Monitoring-Systeme
- Schulprogramme
- Zertifizierungen
- Schulungen
- Aufklärungskampagnen
- Projekte zur Einkommensdiversifizierung
Solche Maßnahmen können helfen. Häufig setzen sie aber eher bei den Symptomen an als bei der wirtschaftlichen Ursache. Nach mehr als zwanzig Jahren internationaler Programme gibt es Fortschritte – aber keine Entwarnung.
Die entscheidende Frage bleibt:
Wie können Bauernfamilien mit Kakao genug verdienen, damit sie nicht auf Kinderarbeit angewiesen sind?
Warum wir unseren Kakao bewusst anders beziehen
Bei CHOCQLATE wollten wir von Anfang an nicht einfach irgendeinen Kakao einkaufen. Wir wollten wissen, woher er kommt, wer ihn anbaut – und wie nah wir an seiner Herkunft bleiben können.
Unser Virgin Cacao stammt von einer Kooperative von Kakaobauern im Urubamba-Tal in Peru. Die Organisatoren dieser Kooperative kennen wir persönlich. Diese Beziehung ist uns wichtig, weil Kakao für uns kein anonymer Rohstoff sein soll.
Was wir wissen wollen
- Wer die Bauern organisiert
- Wie die Strukturen vor Ort funktionieren
- Unter welchen Bedingungen der Kakao angebaut wird
- Wer Verantwortung trägt
- Wie die Kommunikation funktioniert
Direct Trade ist dabei kein weltweit einheitlich definierter oder geschützter Standard.
- die strukturellen Probleme des globalen Kakaomarkts allein lösen
- automatisch faire Bedingungen garantieren
- Kinderarbeit automatisch ausschließen
- mehr Transparenz, direktere Kommunikation und engere Beziehungen
- ein besseres Verständnis dafür, woher der Kakao kommt und unter welchen Bedingungen er entsteht
- eine direktere und häufig bessere Bezahlung der Bauern
Nicht jeder Kakaobestandteil in unseren Produkten stammt aus unserem Direct Trade in Peru. Was für uns dennoch gilt: Wir kaufen Kakao ausschließlich in Bio-Qualität und beziehen unsere Kakaorohstoffe aus Mittel- und Südamerika. Wo es möglich und nachvollziehbar ist, zahlen wir zusätzliche Preisaufschläge und nehmen für diese Herkunft bewusst auch höhere Einkaufspreise in Kauf.
Neben Bohnenqualität und Aromatik spielt für uns dabei auch eine Rolle, was wir selbst vor Ort kennengelernt haben: In den Anbaugebieten und Strukturen, die wir in Mittel- und Südamerika kennen, haben wir erlebt, dass Kinder regelmäßig zur Schule gehen und eine grundlegende Versorgung vorhanden ist. Das ist keine pauschale Aussage über ganze Länder oder Regionen – aber ein wichtiger Grund dafür, warum wir uns bei unseren Kakaorohstoffen bewusst auf diese Herkunft konzentrieren.
Wenn wir wissen, von welchen Produzenten unser Kakao stammt und mit den Menschen, die sie organisieren, direkt sprechen können, verändert sich unsere Verantwortung. Dann wird es schwierig zu sagen: „Wir wissen nichts.“
Kakao ist kein anonymer Rohstoff.
Hinter jeder Bohne stehen Menschen.
Und Verantwortung beginnt dort, wo wir versuchen, sie sichtbar zu machen.
Quellen & Weiterlesen
Die Aussagen zu Kinderarbeit, Ursachen, Umfang und Wertschöpfungskette stützen sich auf die folgenden unabhängigen Quellen.
Alle Themen der Wissenswelt-
ILO (öffnet in neuem Tab)
International Labour Organization (ILO)
Child Labour in Agriculture
Definition von Kinderarbeit · Unterscheidung zwischen altersgerechter Mithilfe im Familienbetrieb und Kinderarbeit · Gefährliche Kinderarbeit · Armut und strukturelle Ursachen · Kinderarbeit in der Landwirtschaft
-
NORC (öffnet in neuem Tab)
NORC at the University of Chicago
„Assessing Progress in Reducing Child Labor in Cocoa Production in Cocoa Growing Areas of Côte d’Ivoire and Ghana“
Daten der Erntesaison 2018/19 · rund 1,56 Millionen Kinder in Kinderarbeit · etwa 45 % der Kinder in landwirtschaftlichen Haushalten der untersuchten Kakaoanbaugebiete · gefährliche Tätigkeiten und Anteile
-
DOL (öffnet in neuem Tab)
U.S. Department of Labor
2024 Findings on the Worst Forms of Child Labor – Côte d’Ivoire
Aktuelle Dokumentation von Kinderarbeit im Kakaosektor · Zwangsarbeit von Kindern bei der Kakaoernte als schlimmste Form von Kinderarbeit · Menschenhandel als Weg in Zwangsarbeit · aktuelle Maßnahmen und verbleibende Probleme
-
DOL (öffnet in neuem Tab)
U.S. Department of Labor
2024 Findings on the Worst Forms of Child Labor – Ghana
Aktuelle Dokumentation von Kinderarbeit im Kakaosektor · aktuelle Maßnahmen und verbleibende Probleme
-
INTERPOL (öffnet in neuem Tab)
INTERPOL
„Children rescued from trafficking and exploitation in Côte d’Ivoire operation supported by INTERPOL“
Operation Nawa, 2014 · 76 befreite, mutmaßlich gehandelte Kinder · Menschenhandel · Herkunft überwiegend aus Burkina Faso und Mali · schwere Ausbeutung bis hin zu sklavenähnlichen Bedingungen
-
Trase (öffnet in neuem Tab)
Trase
„Gaps in tracing and disclosure hide supply chain risks in 52% of Ivorian cocoa“
67 % der Kakaoexporte aus Côte d’Ivoire im Jahr 2024 über sechs Händler · 48 % des Exportvolumens laut öffentlich verfügbaren Unternehmensangaben bis zu einem konkreten Produktionsgebiet rückverfolgbar · 52 % ohne diese öffentliche Rückverfolgbarkeit
-
Barometer (öffnet in neuem Tab)
VOICE Network
Cocoa Barometer
Einkommenssituation von Kakaobauern · Verteilung von Wertschöpfung und Verhandlungsmacht in der Lieferkette · Einordnung von Brancheninitiativen und Programmen
-
ICI (öffnet in neuem Tab)
International Cocoa Initiative (ICI)
Child labour and forced labour in cocoa
Kinderarbeit in Kakaoanbaugebieten Westafrikas · Monitoring- und Abhilfesysteme · Erfahrungen mit Maßnahmen gegen Kinderarbeit